Pfarrer der Potsdamer Garnisonkirche Uwe Dittmer: “Wir sollten sehr darauf achten, dass Potsdam nicht zum Zentrum rechtsextremer Bewegungen gemacht werden kann”
Die Potsdamer Garnisonkirche ist das “Walhalla und Identifikationsgebäude rechtsextremer Kräfte”
Der letzte Pfarrer der Garnisonkirche, der Pfarrer der Potsdamer Heilig-Kreuz-Gemeinde Uwe Dittmer, verfasste am 2. Dezember 1990 einen Brief an den Präsidenten der Stadtverordnetenversammlung Potsdams, mit der Bitte das Schreiben sowohl an die Fraktionen der SVV weiterzuleiten als auch an die “entsprechenden Ausschüsse”.
Darin heisst es in Bezug auf den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche u.a.: “Nicht aber kann es Meinungssache sein, ob eine Kirche wiederaufgebaut wird, die den rechtsextremen Kräften (von der Wiking-Jugend bis zu SS-Traditionsverbänden, Großdeutschen bis ultrakonservativen Preußentraditionalisten) zum Walhalla und Identifikationsgebäude werden wird. (…) Wir sollten, denke ich, sehr darauf achten, dass Potsdam nicht zum Zentrum rechtsextremer Bewegungen gemacht werden kann.”
Statt der Potsdamer Garnisonkirche solle ein “internationales und interreligiöses Konferenz- und Studienzentrum als Begegnungsstätte für die Weltreligionen in Potsdam” auf der Plantage errichtet werden, so Pfarrer Uwe Dittmer.
Den Brief konnte mir das Stadtarchiv Potsdam freundlicherweise zur Verfügung stellen.
Zudem verfasste Pfarrer Uwe Dittmer auch einen Brief an den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (wohl mit gleichem Datum, 2. Dezember 1990, und fast gleichem Inhalt). Gegenstand dieser Briefe waren die reaktionären Kräfte, die den Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche vorantreiben.
Die Nutzerin des Wiederaufbaus der Potsdamer Garnisonkirche, die Nagelkreuzgemeinde Garnisonkirche Potsdam z.B. hat diese Briefe nicht (“hier im Pfarramt haben wir die Briefe nicht” Email vom 8.1.2022). Das Evangelische Landeskirchliche Archiv in Berlin hat die Briefe auch nicht (Email vom 14.12.2021), die Bibliothek des Evangelischen Zentralarchives auch nicht (Email vom 14.1.2022).
Pfarrer Uwe Dittmer verfasste auch die Schriften “Geschichte der Garnisonkirche”, “Garnisonkirche Potsdam und ihre Gemeinde 1982”, “1000 Jahre Christentum – Militär”.
Diese Schriften befinden sich weder im Stadtarchiv der Stadt Potsdam (Email 5.1.2022), noch im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin (Archiv der Evangelischen Kirche in Deuschland, Email 7.1.2022), auch nicht im Archiv des Domstift Brandenburg (Email vom 14.1.2022). Das Archiv der Superintendentur des Kirchenkreises Potsdam “umfasst keine Schriften oder Bücher von Pfarrer U.Dittmer” (Email vom 21.1.2022) Auf eine Anfrage vom 21.1.2022 an das Heilig-Kreuz-Haus in Potsdam, ein Gemeindehaus der fusionierten Heilig-Kreuz-Gemeinde Potsdam und der Evangelischen Erlöserkirchengemeinde Potsdam, ob die Schriften dort vorliegen, kam bisher keine Antwort.
Die Stiftung Garnisonkirche Potsdam hat diese Schriften und Briefe von Pfarrer Uwe Dittmer auch nicht (Email vom 12.1.2022), auch nicht das Evangelische Zentralarchiv in Berlin (Email vom 19.1.2022).
Die taz schrieb zu Pfarrer Uwe Dittmer: “Als Ort für die Gottesdienste diente eine improvisierte Kapelle im Turm der Garnisonkirche. Das große Kirchenschiff blieb eine Ruine. Niemand habe ernsthaft darüber nachgedacht, die Kirche wieder aufzubauen, so Dittmer. “Wer soll das denn bezahlen und wer unterhalten? Und was soll eine kleine Gemeinde mit einer Kirche für 2.000 Leute?”, fragte er damals. Als die Kirche dann im Juni 1968 verschwunden war und die Gemeinde mit 600.000 Mark entschädigt wurde, war er doch froh, dass der militärische Ballast endlich fort war.” (Stefan Otto, Militarismus: Comeback der Soldatenkirche, taz 10.9.2008 https://taz.de/Militarismus/!5176009/)
“Antisemitismus ist Gotteslästerung”
Zudem sagte der Bischof Dr. Christian Stäblein (geistlicher Leiter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) zum Reformationstag 2021 in einer Predigt in Potsdam: “Ich bekenne eine Kirche, die weiß und lebt: Antisemitismus ist Gotteslästerung.”
Dann aber müsste die Evangelische Kirche eigentlich zumindest vom Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche Abstand nehmen, deren Pfarrer nicht zuletzt agressiven Antisemitismus predigten. Der evangelische Theologe Otto Dibelius etwa hielt die Predigt am Tag von Potsdam 1933 und war wie viele evangelische Pfarrer ein offener Antisemit (vgl. Holger Catenhusen, Potsdam, Ein nicht-rassistischer Antisemit, PNN 23.03.2015 https://www.pnn.de/potsdam/ein-nicht-rassistischer-antisemit/21524100.html). Otto Dibelius wurde nach dem Krieg Bischof von West-Berlin und sogar Ratsvorsitzender der EKD.
Bischof Dr. Christian Stäblein positionierte sich in einer B.Z.-Kolumne (Luther: Im Namen die Freiheit, 20. Januar 2022) gegen das Umbenennen von Martin-Luther-Strassen wegen seinen antisemitischen Positionen.
Update: 2.2.2022:
In Uwe Dittmers Buch “Christen heute verstehen: Theologische Entwürfe für das 21. Jahrhundert”, S. 275 f. liest man zudem:
“In den Protestantischen Kirchen sollte die Bibel jedoch die einzige Quelle und Norm sein, aber auch in ihnen spielt die jeweilige Kirchentradition eine wichtige Rolle, die häufig eine Ausrichtung an der Bibel, speziell an Jesus, verhindert. Auch in ihnen werden herrschaftlich-bürokratische Entscheidungengetroffen, die mit Jesus nicht entfernt in Verbindung gebrachtwerden können108, aber „typisch“ sind für diese Kirchen. Die überschätzte Bedeutung der Tradition wirkt sich in der Regel negativ auf Reformversuche aus und behindert die Ausrichtung auf Jesus selber, auf den sich aber alle – angeblich –berufen.”
In dieser Fussnote Nr. 108 liest man dann: “Ein Beispiel dafür ist die Absicht, in Potsdam die ehemalige Garnisonkirche (Königs- und Militärkirche der Preußen) neu zu bauen, die im Krieg zerstört wurde, obwohl sie heute von keiner Gemeinde gebraucht wird, betrieben und erhalten werden kann. In geringer Entfernung gibt es 3 große Gemeindekirchen und 1 Gemeindezentrum. Martin Niemöllers Frage: „Was würde Jesus dazu sagen?“ ist in Anwendung auf dieses Problem von jedem, der Jesus kennt, leicht zu beantworten, solange täglich 20.000 – 30.000 Kinder weltweit am Hunger und seinen Folgen sterben und auch andere Armutsprobleme drängen. Aber solche Argumente zählen nicht. Schon die Frage, was Jesus dazu sagen würde, wird von den Neubaubefürwortern, die teilweise der kirchlichen Hierarchie angehören, vehement abgelehnt.”
